Ein Tag voller neuer Perspektiven
Kürzlich waren wir zu einem Workshop bei Karin Jansen, Inhaberin des Instituts für Kynogogik.
Pragmatische Ansätze prägen unseren Alltag in der Arbeit mit Hunden. Dennoch ist es eine wertvolle Ergänzung, sich auch mit typischen Verhaltensmustern und möglichen traumabedingten Einflüssen bei Hunden auseinanderzusetzen. Natürlich kann ein einzelner Tag nur einen kleinen Einblick geben – und doch konnte ich viel mitnehmen. Besonders in den praktischen Übungen wurden Unterschiede sichtbar, die mir sonst vermutlich entgangen wären oder denen ich keine große Bedeutung beigemessen hätte.
Dieser Artikel soll zugleich auch Flips Beitrag zu diesem gelungenen Tag würdigen.
Flips schwieriger Start ins Leben
Einige erinnern sich vielleicht noch: Flip kam mit sehr viel Angst zu uns. Schon das Klacken eines Lichtschalters konnte ihn in Panik versetzen. Lange Zeit fraß er seine Exkremente, vermutlich um keine Spuren von sich zu hinterlassen.
Die ersten vier Monate seines Lebens verbrachte er frei mit seiner Mutter und seinem Wurf. Dann wurden sie eingefangen und ins Tierheim gebracht – dort wurde Flip direkt kastriert. Anschließend verschwand er für sechs Monate im Zwinger. Kein Training, keine Ansprache, nur die tägliche Minimalroutine.
Seine Geschwister waren etwas zugänglicher als er, und so blieb Flip als letzter des Wurfes zurück. Schließlich setzte sich ein engagierter Pfleger für ihn ein, weil er daran glaubte, dass auch Flip den Weg zum Familienhund schaffen könnte.
So kam er im Dezember 2022 zu uns.
Ein Hund zwischen Angst und Instinkt
Am Anfang wollte er nicht laufen. Wenn ich ihn nach draußen trug, pinkelte er mich an – oder ich bekam einen Schwall Angstdurchfall ab. Seine Welt war völlig aus den Fugen geraten.
Durch sein Leben in Freiheit entwickelte er zudem einen starken Jagdtrieb. Und eine Schwierigkeit ist geblieben: In bestimmten Situationen kann er plötzlich und sehr kopflos auf Menschen zugehen, die er als Bedrohung für sich oder für mich wahrnimmt.
Vermutlich handelt es sich um einen Reflex, dessen Auslöser wir bis heute nicht eindeutig identifizieren konnten. Dadurch ist dieses Verhalten nicht zuverlässig steuerbar oder „abzutrainieren“.
Wir entschieden uns deshalb, Flip von dem Verein zu übernehmen, für den wir damals Pflegestelle waren. Wir wollten nicht riskieren, dass er mit seiner Geschichte, seinem Bewegungsdrang und dieser Verhaltensweise in falsche Hände gerät.
Das ist jetzt drei Jahre her.
Ankommen in seinem Rudel
Heute leben wir mit Flip – er ist unser Hund. In unserer Gruppe hat er seinen Platz gefunden: eine Art Semi-Chef und gleichzeitig der Zauberlehrling von Balou, den er sehr verehrt.
Mittlerweile geht er auf die meisten Menschen freundlich zu. Er ist aktiv, arbeitet gut beim Mantrailing – eine Beschäftigung, die ihm viel von seiner Angst genommen hat – und wir stärken unsere Bindung durch gemeinsame Unternehmungen.
Ohne seine Geschichte zu kennen, würde heute kaum jemand erahnen, welche Entwicklung er gemacht hat. Er ist einfach ein feiner Kerl.
Der Workshop – eine echte Herausforderung
Trotzdem war ich unsicher: Würde er einen ganzen Tag in einem fremden Gebäude mit fremden Hunden direkt neben sich schaffen? Dazu eine lange Autofahrt inklusive Fähre.
Außerdem standen noch weitere Stationen auf dem Plan – wir wollten Maleeh zu Nicole und Pum bringen und am Abend ein Hundegitter abholen, das ich in der Nähe des Seminarortes für mein Auto gekauft hatte.
Ein ziemlich volles Programm für unser kleines Landei.
Flip meistert den Tag
Was soll ich sagen: Flip machte einfach mit.
Er wartete geduldig, betrat einen Raum durch ein Fliegengitter, hinter dem teilweise sehr aufgeregte Hunde saßen. Er ging ins Auto, wenn es nötig war, und nahm an den Übungen teil – wobei er durchaus in der Lage ist, mir auch eine klare Absage zu erteilen, wenn er etwas nicht möchte.
Er war einfach unkompliziert.
Trotz langer Wartezeiten und deutlich weniger Bewegung als er gewohnt ist, blieb er ruhig und entspannt. Er war bei mir.
Ohne Meckern. Ohne Stress.
Was wir gemeinsam gelernt haben
Als wir ihn damals übernahmen, war ich mir nicht sicher, ob wir für ihn die richtigen Menschen sein würden. Wir sind keine Kynologen – wir handeln eher pragmatisch als streng wissenschaftlich.
Würden wir ihn stärken können? Würden wir ihm helfen können, sein Leben zu genießen, statt von seinen Ängsten gesteuert zu werden?
Rückblickend scheint genau das gelungen zu sein.
Natürlich gibt es noch viel zu lernen und zu verstehen. Genau dafür sind Workshops wie dieser so wertvoll. Viele der Erkenntnisse lassen sich auch auf andere Hunde übertragen.
Stolz auf unseren „kleinen“ Flip





